Unsere Thesen im Überblick. Zum Durchlesen anklicken.
2. Wir werden in die Tasche gesteckt
3. Wir brauchen mehr Hacker im Newsroom
4. Journalismus ist heute zur Hälfte Technik
6. Sendung mit der Maus für Erwachsene - dann aber bitte in gut
7. Wenn wir es nicht machen, machen es andere (Teil 1)
8. Wenn wir es nicht machen, machen es andere (Teil 2)
10. Diese Formel bringt bare Klicks. Alle machen mit. Was dann passierte, konnte keiner wollen.
12. Wir verlassen uns zu sehr auf Facebook
13. Wir lassen uns nicht genug auf Facebook ein
14. Wir wollen Mut zur Einfachheit
15. Leser belohnen harte Arbeit
16. Video nervt, ist aber endgeil
17. Fotostrecken sind völlig unterschätzt
18. Snowfallen ist kein Verb
19. Scrollen ist das neue Klicken.
20. Das Vertrauen in uns wird noch zunehmen.
21. Es wird extrem
22. Nie war es spannender als jetzt!
23. Ask Us Anything

Zum Schluss noch eine Frage: Was haben Bill Gates, Snoop Dogg und ein ehemaliger Supermarkt-Mitarbeiter gemeinsam? Sie alle haben sich schonmal auf Reddit begeben und sich in eine offene Fragerunde gestürzt. Auf Reddit schreiben zehntausende Nutzer Tag für Tag über eigentlich alles und laden lustige Bilder hoch.
Eines der bekanntesten Formate der Seite heißt “Ask Me Anything”, frag mich alles. Da trifft man eben Bill Gates oder Snoop Dog, aber auch den Supermarkt-Kassierer. Sie beantworten Fragen, die die Nutzer ihnen stellen. Es gibt auch “Ask Me Almost Anything”, fragt mich fast alles, das schreiben dann die Leute, die Drohnen fliegen oder Pornos drehen. Da will man ja ein paar Geheimnisse behalten.
Die Sache ist: Das Publikum will mitreden. Es will Fragen stellen und die auch beantwortet bekommen. Es will diskutieren und streiten.
Das wollen wir auch. Mit Ihnen. Deswegen finden Sie unsere Thesen auch im Internet. Wir freuen uns auf Fragen, Kommentare, Diskussionen: @j_nb, @oler und @hakantee.
Auf uns wirkt die Situation aktuell so, als hätte uns jemand eine Playstation hingestellt und wir sagen: Ne, danke, Gameboy ist auch ganz geil. Und guck mal, Tetris, toller 8-Bit-Sound, der kommt wieder.
Tut er natürlich nicht. Bis wir uns an die Playstation gewöhnt haben, kommt das neue Gerät. Und so weiter. Ab hier ist Veränderung der neue Stillstand. Was wir machen können, ist, schauen, was es gibt und es annehmen. So wie die BBC auf Instagram geht und Videos produziert. So wie Buzzfeed auf Vine 40 Bilder in sechs Sekunden packt. So wie auch Snapchat mit seiner Funktion “Stories” - das ist eine Einladung sich damit auseinanderzusetzen.
Die “New York Times” hat gerade eine neue App gestartet, mit der Smartphone-Nutzer die News in kleinen Häppchen serviert bekommen, dazu gibt es schöne Tageszusammenfassungen, sogenannte Briefings. Und das alles zu einem Preis, günstiger als ein digitales Abo.
Macht sich die New York Times da nicht selbst Konkurrenz? Kann schon sein, hat ein Manager, der dort für die Apps zuständig ist, neulich erzählt. Aber der Punkt ist: Bei der New York Times wollen sie jetzt einfach alles ausprobieren. Die Angst, abgehängt zu werden, ist einfach zu groß.
Die Angst ist sogar noch größer: Am Ende könnten nur wenige wirklich große Medienmarken übrig bleiben. In anderen Branchen fördert das Netz jedenfalls solche Konzentrationsprozesse: Es gibt ein Amazon, ein Ebay, ein PayPal.
Warum sollte der Medienmarkt davon verschont bleiben? Wenn jetzt sogar die New York Times sich Sorgen macht, womöglich nicht zum Gewinner-Club dazuzugehören: Dann könnten wir doch auch Experimente wagen, selbst wenn wir damit auf den ersten Blick unser Kerngeschäft ankratzen.
Die “New York Times” ist eine der bekanntesten Medienmarken der Welt. Mehr als 11 Millionen Menschen folgen den Updates der Zeitung auf Twitter. Kein Wunder, dass die Social Media Redakteure der NYT genau gucken, was es sich zu twittern lohnt. Dabei hatten sie eine ernüchternde Erkenntnis: Ironie zieht nicht so richtig.
Von den Social Media Redakteuren der New York Times: “Readers don’t click on or retweet us when we’re being clever nearly as much as they respond to clearly stated tweets describing the meat of the stories they point to”
Ihre Schlussfolgerung: Auf Twitter zählen Nachrichten, vor allem, wenn die Lage unübersichtlich ist. Dann wenden sich die Nutzer an die Nachrichtenquellen, denen sie vertrauen.
“But in major breaking news situations, it becomes abundantly clear that large numbers of readers are glued to our Twitter feed and waiting for the next update.” - Nieman Lab
Es gibt eine lange Forschungstradition zum Vertrauen in Medienmarken. Über Vertrauen diskutieren wir seit 20 Jahren, prinzipiell sollte uns das also nicht überraschend.
Gleichzeitig wird unsere Arbeit immer mehr auf die Probe gestellt. Wir stehen verstärkt einer Öffentlichkeit gegenüber, die Fakten prüft und uns hinterfragt. Überall werden Kommentare geschrieben. Garantiert gibt es mindestens zwei Dutzend Menschen, die sich mit einem Thema viel besser auskennen als wir und dazu einen Blog schreiben. Sie finden schnell heraus, ob wir da gerade ein Foto des falschen Flugzeugtyps zu unserer Geschichte verwenden.
Wir müssen uns also mehr anstrengen - und wir müssen transparent mit Fehlern umgehen. Wenn wir in diesem Umfeld überleben, uns beweisen, dann nimmt das Vertrauen in uns sogar noch zu.
Klicken, klicken, klicken, damit die Kasse stimmt. Das ist bisher das Businessmodell für Online-Nachrichten. Doch die mobile Revolution macht es uns schwer, denn auf dem Handy 20x klicken nervt einfach.
Scrollen ist das neue Klicken!
Bei Facebook scrollt man sich doch auch einfach nur durch. Oder bei Tumblr. Es gibt erste Nachrichtenseiten, die das ausprobieren: Quartz oder das altehrwürdige, Time.com, da geht es einfach immer weiter. Timeline statt Kleinklein.
Das bedeutet für die Werbung natürlich: Die muss da mit rein. Und wir brauchen andere Maßeinheiten für den Erfolg einer Seite, zum Beispiel die Verweildauer. Dann hört vielleicht auf der Google-Quatsch auf, also die Optimierung, die nicht auf Nutzer und Suchende zielt, sondern nur auf die Maschine.
Wir wollen also mehr Fotos, mehr Videos, mehr Multimedia. Eine Antwort darauf ist Snowfall. Diese Multimedia-Geschichte hat die New York Times Ende 2012 veröffentlicht. Alle sind ausgeflippt. Da beginnen Videos zu spielen, es gibt Grafiken, die beim Drüberscrollen interaktive Funktionen offenbaren. Kurz, es ist ein Feuerwerk der Kreativität.
Ich habe keine Daten dazu vorliegen, wie viele Leute die Geschichte “unbedingt später lesen wollten” und das nie getan haben. Die Medienwelt jedenfalls reagierte wie ein ausgehungerter Hund, dem man einen Knochen hinwirft. Jetzt sehen wir überall Schneeflockengeschichten. Das ist erstmal ein tolles Experiment.
Die Sache dabei ist nur: Snowfallen ist kein Verb. Eine langweilige Geschichte ist immer noch eine langweilige Geschichte, wenn man sie snowfalled.
Die Geschichte muss gut genug sein. Lange, ausführliche Monstergeschichten funktionieren. Auch Mobile. Aber es gibt keinen Platz für Mittelmaß. Wenn wir also Snowfall machen, dann bei Geschichten, die es wert sind. Entweder es rockt, oder man lässt es sein.

Wie schafft man es, der Generation Facebook den Syrien-Krieg zu erklären? Wie bringt man sie dazu, einen langen Text zu lesen, 1500 Wörter, 8800 Zeichen? Klar: mit einer Fotostrecke. Genauer gesagt: einem 55-teiligen Fotostrecke. So einen haben Heben Nigatu und Miriam Elder auf BuzzFeed veröffentlicht.
Und jetzt kommt der Clou: Im Gegensatz zu den "100 besten Bieren der Welt", die es als Klickstrecke auf einer großen deutschen Nachrichtenseite gibt, reicht für die Syrien-Geschichte mit ihren 55 Bildern ein einziger Klick. Die Bilder stehen einfach untereinander, man scrollt sich von oben nach unten durch. Man kann dabei selbst das Tempo bestimmen: Für den latent hibbeligen Online-Nutzer ist das ein Traum, der muss sich nicht zurücklehnen wie bei einem Video und bekommt trotzdem visuelle Reize.
Unsere These: Fotostrecken sind völlig unterschätzt. Nimmt man GIFs dazu, kurze Animationen, wird es noch besser: Die perfekte Mischung aus Text und Video. Viel zu oft stehen sich auf Nachrichtenseiten Fotos und Text geradezu feindlich gegenüber.
Die unpraktischen Foto-Klickstrecken sind Content-Management-Systemen und der Werbevermarktung geschuldet. Aber das muss ja nicht so bleiben.

Wir sind zu oft mit uns selbst beschäftigt. Wir denken zu sehr in Geschichten, wie wir sie konsumieren. Vor allem wir drei auf der Bühne. Wir lesen und tun so, als ob das alle außer uns genau so handhaben. Als ob alle nur lesen würden. Das ist natürlich Quatsch.
Nehmen wir Games-Journalismus als Beispiel. Dieser Typ, den wir sehen, der heißt Gronkh. Wie Zonk, nur noch absurder. Dieser Mensch spielt Computerspiele und filmt dabei seinen Bildschirm ab und kommentiert das Ganze. Er kann gut davon leben. Auf Youtube, gerade in Deutschland, sind auf den ersten zehn Plätzen fast ausschließlich solche Spieler. Das ist das Geschäftsmodell, das funktioniert.
Jetzt machen Games-Journalisten genau das gleiche. Sie spielen ein Spiel, genau wie diese Menschen auch, sie schreiben eine Kritik. Wieso gibt es keine Youtube-Videos davon?
Diese Art von Youtubern ist nur ein Beispiel. Den gleichen Typ gibt es auch im Bereich Kultur, im Bereich Wissen, im Bereich Politik.
Es ist ein riesiger Markt da, den wir außer Acht lassen, weil wir zu faul sind. Auf Twitter ein Hashtag einzugeben und dann in den Artikel zu schreiben @bloederUsername805 giftet gegen Merkel. Das können wir sehr gut. Aber zu schauen, wie funktioniert das System Video, wieso sieht das alles, und zwar ausnahmslos alles, so unterschiedlich aus als klassische Fernsehbeiträge? Was können wir davon lernen? Das sind sind die Fragen.